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Mehr häusliche Gewalt und digitales Stalking durch Corona-Kontaktbeschränkungen

Die Ergebnisse emotionaler und häuslicher Gewalt im Social Distancing sind alarmierend – Opfer können sich mit wenigen Handgriffen schützen

Cyberstalking und häusliche Gewalt nehmen in Lockdown-Zeiten zu. Opfer sollten genau darauf achten, wenn sich das Smartphone anders verhält.
Foto: Maxim Ilyahov / Unsplash

Besonders in diesem Jahr begünstigen die Corona-Maßnahmen häusliche Gewalt. Zu diesem Schluss kommt eine gemeinsame Untersuchung der TU München und des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung. Die offiziellen Zahlen des Hilfetelefons für Frauen bestätigen die Entwicklung. Zugleich stieg mit der ersten Pandemiewelle die Anzahl digitaler Übergriffe durch Stalkerware, was eine Studie der Avast-Sicherheitsexperten zeigt.

Die kürzlich vorgestellte Polizeistatistik von 2019 zählt mehr als 141.000 Opfer von vollendeten und versuchten Delikten der Gewalt in Partnerschaften in Deutschland. Bei diesen Zahlen muss davon ausgegangen werden, dass sie nur einen Teil der Fälle abbilden. „Die Dunkelziffer ist kaum messbar“, bestätigt Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts. Die TU München und das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung haben 3.800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren zu ihren Erfahrungen mit häuslicher Gewalt während der Corona-Krise befragt. Die Umfrage zeigt, dass die körperliche Gewalt gegen Frauen zuletzt um 3,1 Prozent und die emotionale Gewalt um 3,8 Prozent zugenommen haben. Bei 4,6 Prozent der Frauen reguliert der Partner sogar ihre sozialen Kontakte.

Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und digitalem Stalking erkannt

Schon ein Forschungsbericht aus dem Jahr 2017 vom europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen zu Gewalt gegen Frauen und Mädchen zeigt, dass etwa 70 Prozent der Frauen, die von Cyberstalking betroffen waren, auch mindestens eine Form von physischer und/oder sexueller Gewalt, ausgehend von einem Intimpartner, erlebt haben.

Laut den Zahlen des Hilfetelefons für Frauen wird fast jede vierte Frau, also etwa 24 Prozent Opfer von Stalking. Begünstigt werden diese Zahlen in diesem Jahr dadurch, dass Opfer und Täter aufgrund der Corona-Pandemie viel mehr Zeit zu Hause verbringen müssen. Durch die Verfügbarkeit von Stalkerware haben Täter noch mehr Möglichkeiten, Kontrolle über ihre Opfer auszuüben.

Wie funktioniert Stalkerware?

Nachrichten mitlesen, Telefonate abhören und Standorte verfolgen: Bei Stalkerware handelt es sich um eine Überwachungssoftware, die einen umfassenden Zugriff auf persönliche Daten des Opfers ermöglicht. Cyberstalking ist in Deutschland illegal, Stalkerware jedoch per se nicht. Entsprechende Programme werden im Internet über eigene Websites vermarktet – teils ganz offensichtlich als Werkzeug, um untreue Partner zu verfolgen. Solche Apps lassen sich problemlos installieren. Auch in den gängigen App-Stores fanden sich in der Vergangenheit Stalkerware-Apps. Google entfernte beispielsweise im Juli 2019 aufgrund einer Sicherheits-Benachrichtigung acht derartige Apps aus dem Play Store. Seriöse Store-Betreiber gehen in der Regel den Hinweisen auf Stalkerware nach und auch gegen diese vor. Dass solche Apps dennoch den Weg in den Store finden, zeigt, wie gut sich die Stalkerware häufig tarnt.

Malware wird üblicherweise durch Software-Schwachstellen oder Social Engineering von anonymen Hackern verbreitet und lässt sich durch einen Anti-Malware-Schutz aufspüren. Stalkerware wird hingegen meist von Partnern oder Ex-Partnern direkt auf dem Smartphone installiert. Nach der Installation übermittelt die Stalkerware ununterbrochen sensible Daten an das Smartphone oder den Computer des Täters. Das Programm ist für das Opfer selbst nicht sichtbar oder verschleiert sogar aktiv seine Anwesenheit. Die ständige Überwachung bleibt deshalb meist lange Zeit unbemerkt. Ebenso ist ein ungehinderter Zugriff auf Fotos und Videos möglich, die auf dem Mobiltelefon des Opfers gespeichert sind.

Tipps zum Schutz vor Stalkerware

Stalkerware benötigt den Zugriff auf Mikrofon, Kamera, Standort, Nachrichten und Anrufe. Mögliche Opfer sollten deshalb regelmäßig die App-Berechtigungen in den Geräteeinstellungen prüfen. Ein besonders schneller Akkuverbrauch, hoher Datenverkehr und ein insgesamt sehr langsam reagierendes Gerät können auf die versteckten Aktivitäten von Stalkerware hinweisen.

Schutz des Smartphones vor jedem unbefugten physischen Zugriff:

Anwender sperren und schützen ihre Smartphones oft nicht. Der Sperrbildschirm sollte aktiviert und mit einem Mechanismus wie einem PIN-Code oder der Fingerabdruck-Erkennung gesichert sein, um das Gerät vor einem direkten Zugriff zu schützen. Ebenso sollte das entsperrte Gerät an niemanden verliehen werden, dessen Absichten die Nutzerin nicht uneingeschränkt vertrauen kann. Dabei gilt es zu bedenken, dass eine Stalkerware-App innerhalb von wenigen Minuten auf einem Gerät installiert werden kann.

Installation eines Anti-Viren-Produkts auf dem Smartphone:

Ein guter Virenschutz für Mobiltelefone behandelt Stalkerware als potenziell unerwünschtes Programm (PUP) und gibt dem Besitzer die Möglichkeit, diese zu entfernen. Ein mobiles Sicherheitsprodukt schützt deshalb neben Malware auch vor Stalkerware.

Ohne Zögern Hilfe anfordern:

Opfer, die sich bereits in einer übergriffigen oder missbräuchlichen Beziehung befinden, sollten bedenken, dass sie durch Stalkerware einem noch größeren Risiko ausgesetzt sind. Selbst das Entfernen der Software von ihrem Smartphone könnte den Partner alarmieren. Deshalb sollten sie umgehend Hilfe und Unterstützung anfordern. Eine mögliche Anlaufstelle ist beispielsweise das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“.

Rechtlicher Stalkingschutz gilt auch in Beziehungen

Privatsphäre schützt Frauen vor Partnern, die alles wissen wollen. Die enge Beziehung von Opfer und Täter spiegelt sich wiederum in der Aufklärungsquote der Cyberstalking-Taten wider. Knapp 90 Prozent der angezeigten Taten werden auch aufgeklärt. Damit gehört Cyberstalking zu denjenigen Tatbeständen, bei denen sich Tatverdächtige besonders gut ermitteln lassen. Opfer und Personen aus ihrem Umfeld sollten deshalb rechtliche Schritte gegen Cyberstalking einleiten. Tipps dafür finden sie auf der Webseite des Frieda Frauenzentrums. 

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