Verschlüsselung & Datensicherheit

Anonymisierungsdienst: Russland zensiert das Tor-Netzwerk

Seit Anfang Dezember blockieren einige russische Internetprovider Tor, jetzt hat die Medienaufsicht den Zugang zur Webseite des Dienstes gesperrt.

Russlands Kommunikations- und Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor geht massiv gegen das Tor-Netzwerk vor. Am Dienstag hat das Amt die Webseite des Anonymisierungsdienstes auf seine schwarze Liste gesetzt, sodass Internet-Zugangsanbieter des Landes den Zugang dazu sperren müssen.

Das hinter dem Service stehende Tor-Projekt sieht davon vor allem Menschenrechtsverteidiger, Journalisten und Aktivisten vor Ort betroffen, die sich selbst online zu schützen versuchten.

Am selben Tag hatten die Projektmacher nach eigenen Angaben eine E-Mail von Roskomnadsor erhalten. Sie seien darin aufgefordert worden, nicht näher spezifizierte "verbotene" rechtswidrige Inhalte auf der Webseite beziehungsweise im Netzwerk zu löschen. Schon seit 1. Dezember waren beim Tor-Projekt immer mehr Mails von Nutzern eingegangen, die Probleme beim Zugang zu dem Dienst meldeten. Parallel sahen Mitarbeiter der Zensurbeobachtungsstelle Open Observatory of Network Interference (OONI) Anzeichen dafür, dass russische Provider das Netzwerk blockierten.

Verbindungsausfälle

Die zivilgesellschaftliche Organisation Roskomsvoboda bestätigte, User in Moskau, St. Petersburg, Jekaterinburg und vielen weiteren russischen Städten hätten gemeldet, dass sie keine Verbindung zum Tor-Verbund herstellen konnten. Eine Journalistin der Kreml-kritischen Zeitung "Nowaja Gaseta" berichtete der Tagesschau, dass schon seit Herbst die ohnehin langsame Verbindung zu Tor gedrosselt gewesen sei. Sie verwende den zugehörigen Browser, um ihre Online-Spuren zu verwischen und abseits von staatlicher Beobachtung zu recherchieren.

In Russland greifen täglich rund 300.000 Menschen auf den Dienst zurück. Das Land stellt damit 15 Prozent aller Tor-Anwender und nach den USA die weltweit zweitgrößte Nutzergruppe. Ihr Anteil wächst laut Roskomsvoboda mit jedem neuen russischen Zensurgesetz und Angriffen auf gängige Datenschutzdienste wie Apples Private Relay.

Mit den Zensurbemühungen hat die Roskomnadsor derzeit mehr oder weniger Erfolg. Am 1. Dezember stellte OONI fest, dass 16 Prozent der Tor-Verbindungen in Russland "ungewöhnlich" verliefen. Tags darauf waren schon eine von drei betroffen. Am 8. Dezember ging der Anteil aber wieder herunter auf 16 Prozent. Russische Provider setzen die Anweisung offenbar unterschiedlich um: Manche Nutzer werden auf eine Art Stoppschild statt auf die Tor-Webseite umgeleitet. Andere scheinen bei einem Verbindungsversuch einem Man-in-the-Middle-Angriff ihrer TLS-Verbindung (Transport Layer Security) ausgesetzt zu sein – offenbar ein Versuch, die durchgehende Transportverschlüsselung ihrer Daten zu durchbrechen.

Wieder andere User stellten fest, dass ihre Verbindung wiederholt zurückgesetzt wird, wenn TLS greifen soll. Damit soll offenbar ihr Zugang zum Tor-Projekt vereitelt werden. Diese Methode deutet laut dem OONI darauf hin, dass Zugangsanbieter gemäß der Roskomnadsor auch Deep Packet Inspection (DPI) einsetzen müssen, um den gesamten Netzverkehr zu überwachen. Mit dieser tief in die Übertragungsschichten eingreifenden Methode sollen Pakete ausgefiltert werden, die für Tor bestimmt sind.

Behelfsbrücken als Gegenmaßnahme

Befürworter der Internetfreiheit haben sich gewehrt, indem sie mehr als 200 Bridge-Relays errichteten, twitterte das Tor-Projekt. Solche "Brücken" werden wie gewöhnliche Tor-Zugangsknoten von Freiwilligen betrieben. Ihre IP-Adressen sind aber nicht öffentlich gelistet, sodass Gegner sie schwerer ausmachen und sperren können. Von einer Tor-Zensur Betroffenen können sich unter anderem an die Projektgruppe wenden, um eine Kennung für solche versteckte Brückenpunkte zu bekommen. Die neue Version 11.0.2 des Tor-Browsers enthält zudem bereits eingebaute Bridges, die vor allem russische Nutzer gezielt voreinstellen können sollen.

Daneben hat die Tor-Community mit Snowflake eine Browser-Erweiterung entwickelt, die ebenfalls helfe, Zensur besser zu umgehen. Darüber werden einschlägige Brückenknoten standardmäßig konfiguriert. Täglich sollen mehrere tausend entsprechende Proxy-Server verfügbar sein, die sich nur schwer orten und blockieren lassen.

"Einige russische Provider blockierten öffentliche Tor-Relays und eingebaute Brücken nach IP-Adressen", berichtet das Tor-Projekt von einem Wettlauf zwischen Hase und Igel. Zugangsanbieter nutzten auch DPI, um Snowflake-Verbindungen zu blockieren. Andere Bridges für verdeckte Datenübertragungen funktionierten aber weiterhin.

Snowden: "Gefährliche und selbstzerstörerische Entscheidung"

Roskomnadsor versuche, eines der wichtigsten, die Bürgerrechte erhaltenden Netzwerke der Welt zu sperren, moniert der NSA-Whistleblower Edward Snowden, der in Russland im Exil lebt. "Das ist so, als würde man das gesamte Handynetz verbieten, weil ein Drogendealer es benutzt hat." Er appellierte an die russische Behörde, "diese gefährliche und selbstzerstörerische Entscheidung sofort rückgängig" zu machen. Die Initiative werde Kriminelle nicht aufhalten, aber normalen Bürgern schaden. Roskomnadsor habe schon vergeblich versucht, Telegram zu blockieren.

Erst vorige Woche war bekannt geworden, dass ein unbekannter Angreifer massive Deanonymisierungsattacken im Tor-Netzwerk durchführt. Ein Mitglied der Duma, des russischen Parlaments, bezeichnete den Dienst am Montag nun als "absolutes Übel", das es den Menschen ermögliche, illegale Aktivitäten durchzuführen.

Beobachter sehen hinter dem Vorstoß aber auch ein weiteres Puzzlestück der Kampagne des Kremls, ein "souveränes", nach außen hin weitgehend abgeschottetes russisches Internet einzurichten. In den vergangenen zehn Jahren habe Russland eine Reihe verschiedener politischer Maßnahmen, Instrumente und infrastruktureller Veränderungen eingeführt, um sicherzustellen, dass die Regierung so viel Kontrolle wie möglich über den russischen Teil des Internets hat, erläuterte Tanya Lokot, Professorin für digitale Medien an der Dublin City University, dem Online-Portal Wired. Das alles sei Teil des Plans für ein "RuNet", in dem allein die von Moskau diktierten Regeln gälten.

Quelle: heise online Redaktion

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